Das tote halbe Huhn vom Wienerwald

Es ist heiß. Es tropft. Unglaublich heiß, die Hitze kommt von allen Seiten. Es tropft. Dunkelheit, trotz des roten heißen gleißenden Lichts. Und tropf. Eng hier! Egal! Eng war es ja immer und laut war es immer, dagegen herscht hier eine himmlische Stille, von diesem Surren mal abgesehen und dem Geräusch der Tropfen. Tropf. Tropf. Himmlische Stille? Himmel? Tropf. Die grauenvolle Vorstellung, in den Himmel zu kommen und die ganze elende Ewigkeit immer dieses Tropfen. Ach was Himmel. Im Himmel soll¥s ja angeblich nicht heiß sein. Und rot. So ist es nur in der Hölle. Angeblich. Verdammt, was habe ich in der Hölle zu suchen? Die habe ich doch schon hinter mir. Das haben wir doch immer alle hinter diesen Gitterstäben in der gnadenlosen Enge gestöhnt: "Das ist die Hölle". Das hier ist schlimmer. Mein Nachbar stinkt und schwitzt. Und tropft. Eine verklemmt Haltung hat der. Und sagt kein Ton! Tropft nur. Tropf. Vorhin war es noch so schön kalt. Extrem kalt. Habe ich mich da nach ein bißchen Wärme gesehnt. Aber so heiß? Jetzt tropfe ich auch. Da: zweimal hintereinander. Tropf, tropf. Mischt sich in die Tropfen der anderen. Wir schwitzen alle. Der über mir wird langsam ganz rot, sieht hübsch aus, besser jedenfalls als dieses ewige langweilige Weiß, das uns sonst immer schmückte. Hätte ich nie gedacht, daß wir einmal so hübsch rot sein könnten. Dieses Getropfe macht mich noch wahnsinnig. Tropf, tropf, tropf. Der tropft, der da tropft, und der da tropft auch. Ich tropfe. Die Brühe da unten ist eklig. Sie stinkt und spritzt mir immer an den Körper zurück, wenn ich da rein tropfe. Merkwürdige helle kleine unregelmäßige Ringe schwimmen auf ihr. Vermengen sich miteinander, trennen sich wieder, treffen sich mit meinen Tropfen. Die Hitze ist widerlich. Geht mir auf den Geist. Ich will hier raus!

Mittwoch Abend. Regen Der große weiße schnittige Sportwagen, Marke einer Autofirma, die immer noch entgegen allen Parkplatzgesetzen völlig überdimensionierte Karosserien produziert, fährt über die Hauptstraße und biegt rechts in die kleine dunkle Straße ab. Parkt in der Toreinfahrt. Der Fahrer steigt aus, im graublauen Boss-Anzug, weißes Hemd, dunkle glänzende Halbschuhe, chic. Riecht förmlich nach Knete. Sieht sich zögernd um. Bewegt sich schnell auf die grüne Leuchtreklame zu, weg von dem Regen. Peinlich wenn ihn jemand sehen würde, der ihn kennt.. Ein Yuppie auf den Weg in diesen Laden, in dem man sonst ja nicht verkehrt. Dunkle Spelunken beehrt man nicht, wenn man im Jahr 300TDM verdient. Das geht nicht. Das kann nur schief gehen. Pleite. Null Klasse. "Ich könnte ja sagen, ich überlege gerade, ob ich den Laden nicht kaufen soll und die neuestse In-Bar daraus mache...". Schwachsinn! Kopf hoch, Brust raus, Huhn her, Pommes Frites drauf. Und weg. Weg vom Ort der Schande.

"Guten Tag!" "Tag, Sie wünschen?" "Ein halbes Hendl, Portion Pommes, Ketchup. Äh und zwei Dosen Cola. Bitte." "Halbes Hendl, Portion Pommes, Ketchup. Cola. Macht DM ." "Danke. Wiedersehen!"

Weg vom Ort der Schande. Philosophieren, darüber warum diese Läden niemals Klasse haben werden. Yuppie rennt gebückt zurück zum Wagen, der letzte Versuch den Boss-Anzug vorm Regen zu retten. Sich vor dem Regen zu retten. Das halbe Huhn vor dem Regen zu retten? Kein Gedanke, das ist sicher in der Tüte. Deshalb legt er diese auch auf das Autodach, als er nach dem Schlüssel sucht. Verdammt der Schlüssel. Der liegt noch auf der Ablage in der Straßenverkaufsecke des Ladens mit der grünen Leuchtschrift. Zurück gerannt. Regen. Schlüssel gegriffen. Peinliches Grinsen.

"Nochmal. Wiedersehen!"

Zum Auto gerannt. Naß. Tür aufgeschlossen. Ins Auto gesetzt. Nur weg von hier ins Trockene. Das Huhn? Das Huhn fährt mit. Auf dem Autodach, zumindest die ersten hundert Meter. Dann wird es dem Huhn in der Tüte mit den Pommes und dem Ketchup und den Coladosen zu bunt und rutscht vom Dach. Unbemerkt. Platsch in die Pfütze!

Die Figur mit dem roten Gesicht, dem grünen Parka, den ausgelatschten Schuhen und den dreckigen Fingernägeln freut sich, als sie begreift, was da gerade verpackt und frisch wie vom Himmel gefallen ist. "Is ja ma wat anderet, als imma die Kacke ause Mülle zu kramn" säuselt sie entzückt in den grauen Bart. Und macht sich auf die Suche nach einem trockenen Hauseingang, wo sie sich mit dem Huhn amüsieren will. "Hau ab, Du Penner, mach das de wechkommst. Ich will so`n Kruppzeuch hier nich mehr sehn, ey!" Der Penner rennt. Das Huhn bleibt liegen. Wieder einmal.

Nun wollen wir anfangen. Nachdem Sie sich die letzten zwei Seiten, die man glatt auch die ersten nennen könnte, vielleicht gelangweilt haben, werden wir nun endlich daran gehen vom Leben und Erleben des toten halben Huhns vom Wienerwald zu lesen. Und dem lieben Hühnergott danken, daß wir vorerst keine Chance haben, jemals zu einem toten halben Huhn vom Wienerwald zu werden.

Das Huhn hängt immer noch auf einem Metallstab in einem Bräter, neben einem Huhn und neben einem anderen Huhn. Übrigens hängt es unter dem anderen Huhn, dem Roten, Sie wissen schon. Alles gute alte Bekannte. Oder Hühner, falls Sie mit Hühnern nun mal partout nicht bekannt sein wollen. Das Huhn schwitzt und tropft. Sehen Sie bitte genau hin, das ist der letzte Moment, in dem Sie das Huhn nochmal als ganzes Huhn erleben werden. Wir hoffen, Sie können mit der Realität umgehen und werden den in Kürze anstehenden Moment des Teilens gefaßt gegenüberstehen. Wenn Sie jetzt Probleme auf sich zukommen sehen, sollten Sie dieses Buch kurz beiseite legen, in die nächste Videothek gehen und sich den gruseligsten Videoschinken mit dem mindestens-sieben-Monstern-Prädikat reinziehen. Viel schlimmer wird es hier gleich auch nicht werden. Und mal ehrlich, haben wir nicht alle schon einmal am Akt des Teilens eines Hendles in zwei, vier und mehr Teil zugesehen oder diesen sogar selber vorgenommen? Fein, dann wissen Sie ja was nun auf Sie zukommt. Aus eins mach zwei. Halbe. Also, Sie kennen das: Das saftige, knackige, leicht rotbraune (wunderbar, wenn die Flügelspitzen schon fast schwarz sind) Huhn wird von der Stange geschubst, mit den anderen Hühnern, die auch auf der Stange stecken. Allesamt landen sie in der Fettbrühe des Grills, eines wird gegriffen und auf eine silbernfarbene Aluminiumküchenunterlage geworfen. Und in zwei Hälften geschnitten, äh tranchiert nennt man das ja wohl. Es ist natürlich nicht das gleiche feierliche Tranchieren, daß wir alle von der edlen hochnäsigen Weih- nachtsgans oder -ente kennen, von dem eleganten Scherenballett, das unsere Väter immer versucht haben uns vorzuführen. Nein, hier geht es um ein Reinstechen, um drei Schnippschnapp, maximal vier (aber dann war das ein Huhn ein ganz besonderes mutiertes Huhn, oder der Schnippschnappmensch vom Wienerwald ist einfach zu dämlich), um ein Umdrehen und noch dreimal Schnippschnapp, maximal vier (aber dann war das Huhn .... - spare ich mir, lesen Sie's oben nochmal!). Nun wird in die eine Hälfte hinein gestochen und wieder zurück in fettige Brühe beordert, die letzte Chance sich nochmals in der eigenen Körperflüssigkeit zu baden und die Fettsuppe aufzusaugen. Die andere Hälfte wandert in wundervolle auch silbernfarbene Aluminiumfolie, deren andere Seite weiß ist und wird mehr oder weniger liebevoll darin eingewickelt und sodann in eine von diesen weißgrünen Plastiktüten gesteckt. Mal mit mehr, mal mit weniger anderen Köstlichkeiten. Mal sogar mit zusammen mit der anderen Hälfte vom Huhn, der Unterschied macht aber nur entweder einmal DM 5,95 oder zweimal DM 5,95. Liebe Leser aus dem Bundesgebiet, wundern Sie sich bitte nicht! Diese Preise sind ausschließlich Berliner-Hühnerpreise, die sind immer etwas teurer als bei Ihnen (dafür ist unsere Currywurst billiger und die Tomatensauce kalt). Nun, das Huhn ist getrennt, verpackt, zum Mitnehmen bereit und nur wir wissen, was damit geschehen wird.

 

Wenn diese Hühner hier um mich rum nicht so verdammt öde und still wären. Wir müßten uns doch nur verbrüdern, allen eine lange Nase zeigen und davon fliegen. Hören Sie gefälligst auf, so hämisch zu lachen! Natürlich kann ich in diesem Zustand nicht fliegen, können Sie es denn? Na also. Zum Thema Fliegen will ich Ihnen lieber gleich etwas sagen: Im weiteren Verlauf der Geschichte, werde ich meinen Weg nämlich meistenteils fliegend zurücklegen. Ich fliege! Das ist natürlich völlig hirnverbrannt und dämlich und würde in der Realität niemals geschehen, in der Realität würde ich mich aber auch in meinem Zustand nie mit Ihnen längere Zeit unterhalten. Ich will auch, ehrlich gesagt, meine Zeit nicht mit irgendwelchen wundervollen Phantasie-warum-kann-der-Vogel-jetzt-fliegen-Erklärungen verplempern. Ich fliege einfach. Wundervoll, elegant, klassisch und sportlich schnell. Wenn Sie damit ein Problem haben sollten, können Sie meinetwegen ruhig glauben, ich wäre kurz vor dieser Geschichte ins Reisebüro gegangen und hätte mir ein Ticket gekauft, genauso wie Sie das machen, wenn Sie in den Urlaub fliegen wollen (wie gesagt, Sie können ja tatsächlich auch nicht fliegen.) Das ist natürlich auch entfernt jeglicher Re

Hauptsache, ich komme hier raus. Manchmal träume ich von einer attraktiven gutgebauten Henne, die mir von Zeit zu Zeit mit einem blütenweißen Taschentuch die Stirn abwischen würde. Sagen dürfte sie natürlich nichts dabei, so wie diese Maren Giltzer aus dem Glücksrad, die sagt nie was. Die ist zufrieden damit irgendwelche Täfelchen umzublättern, strahlt dabei und applaudiert sich selbst (so einen Charakter muß man nie loben), sieht gut aus und sagt nichts. Ein wahres Traumhuhn. So was bräuchte ich jetzt. Ja die Bedürfnisse eines Huhns auf der Bratstange sind ziemlich global, wie Sie gerade bemerken, hätten Sie das gedacht? Aber wenn ich mich hier so umsehe, dann scheine ich auch eine ziemlich große Ausnahme zu sein, die anderen sehen irgendwie so kraftlos aus, inzwischen leider auch schon ziemlich saftlos. Da jetzt geht direkt vor mir so eine Klappe auf, ich werde mich jetzt klein machen mich ducken und dann rausspringen. Mist. Diese verdammt Stange!

Ah. Es scheint sich tatsächlich ein neues Kapitel in meinem Leben als Brathuhn anzubahnen. Im Moment kommen zwei behandschuhte Hände auf mich zu, naja nicht direkt auf mich, sie greifen rechts und links an die Enden dieses eisernern Füllriegels, der mich am davondüsen hindert und heben mich und meine Kumpanen aus der Bratröhre. Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich fliegen werde? Ich fliege also aus diesem Glutkasten über dreckige und geschmacklose Fliesen und lande, verdammt paß doch auf, unsanft auf so einer Metallunterlage. Kalt. Herrlich kalt. So wundervoll kalt, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie traumhaft kalt das ist. Also, entschuldigen Sie mich bitte für einen Moment, ich muß das jetzt erst mal zu Ende genießen.

Huh da bin ich wieder, es tut mir leid, daß ich einen der besten Augenblicke meines Lebens nicht mit Ihnen teilen konnte aber das hier ging einfach über meinen Verstand. Wow! Aber irgendwie geht¥s jetzt schon wieder weiter mit uns, dieser Mensch mit den Handschuhe ruckelt an der Stange rum und stellt sie dafür auch noch hochkant auf den Tisch. Auch so eine Erfindung der Menschen: Achterbahn! Auf den höchsten Punkt einer Erhebung klettern und dann runtersehen bzw. fahren und sich freuen, wenn¥s einem davon übel wird. Und mir wird übel. Um Himmelswillen, hoffentlich hat mich diese Bratkur nicht meine Schwindelfreiheit gekostet. Das darf ich gar keinem erzählen, ein nichtschwindelfreier Vogel! Und jetzt sollen wir doch allen Ernstes runterrutschen an der Stange. Die sind doch alle irre. Und ich rutsche jetzt. Hilfe! Ich rutsche! Mir bleibt nichts erspart, hätte ich nicht am unteren Ende der Stange sitzen können? Muß ich wieder an das völlig falsche Ende verfrachtet werden? Muß ich denn gerade jetzt, wo mir sowieso schon so schummerig ist, auch noch den fast längsten Weg rutschen? Kann denn nicht wenigstens einmal irgendetwas glatt gehen? Das ist nicht mein Tag. Nee nee das ist er nicht. Mit diesem Tag will ich nichts mehr zu tun haben, der kann mir gestorben bleiben. Und wie. Und peng. Penetrant aufdringlich ist mein Hühnerkollege, rutscht mir ziemlich nah auf die Pelle und ich dem anderen. "'Tschuldigung. Wie kennen uns doch? Äh von der Stange, von vorhin, Sie wissen schon ...?" Nee, der weiß gar nichts, der Vogel scheint hier von dem Theater überhaupt nichts mitbekommen zu haben, pennt auf der Platte und sagt nichts.

Da kommt diese Schere auf mich zu, eine riesengroße Geflügelschere, mit zwei Scherenhälften, die irgendwie an das Gebiß eines Haies erinnern, weit auseinander gerissen, gefährlich und brutal aussehend und an ihrem Ende eine Hand, getarnt in einem Handschuh. Jetzt werde ich mit Hilfe der Hand, an deren Ende die Gabel sitzt, die mir in die Seite sticht (ich weiß, was Seitenstechen wirklich bedeutet) wie ein hilfloser Käfer auf den Rücken geworfen, beide Keulen nach oben gestreckt. Und sie kommt auf mich zu, mit zwei weit aufgerissenen Scherenhälften, an deren Unterseite kleine glänzende Zähne sitzen. Setzt da an, wo einmal mein bildschöner Hühnerkopf gesessen hat und ... . Neeeeinnnn! Und schnappt zu, gräbt ihre Scheren in mich hinein, läßt das Fett in meiner saftigen Haut aufspritzen, treibt die Tropfen nach allen Seiten auseinander, trennt meine Haut durch. Frißt sich durch mein Fett, trennt mein Fett durch, beißt in mein Fleisch, trennt mein Fleisch durch, reißt an meinen verschmorten Nerven, trennt meine Nerven durch, sägt an meinen Knochen, trennt meine Knochen durch. Knack, knack. Klapp. Die Scherenhälften treiben in die Leere, prallen aufeinander, reißen sich wieder auseinander, treiben aufs Neue in meinen Körper, trennen meine gesamte Beschaffenheit, unnachgiebig. Fressen sich durch meine Rippen, immer und immer wieder, schneiden meinen Brustkorb entzwei, hinunter zu meinem Becken, kappen unwiederuflich alles Leben, das sich ihnen in den Weg stellt, an meinem After vorbei und schnappen in die Luft.

Gottseidank, der Terror ist vorbei. Was hat dieses Monster aus mir gemacht? Ein halbseitiges auseinandergefetztes Huhn, entgültig völlig nutzlos für diese Welt. Ich fasse es nicht, wie sehe ich denn jetzt aus? Was soll den nun noch aus mir werden? So werde ich nicht mal mehr Reklamehuhn, kann nicht mehr mit meinen Keulen für mexikanische Schnapssorten wackeln und das war doch immer mein Berufstraum.

Ich werde herumgewirbelt, auf meine zerschnittene Seite geworfen und das Monster rasst mit wiederlichem Begehren auf meinen Hintern zu, schneidet an ihm vorbei, hetzt durch meinen Rücken durch, hinterläßt klaffende Wunden, nie wieder zusammenfügbare Masse, tanzt mit mir den wiederwärtigsten Tanz, den Brutalität nur vorzuführen wagt, fetzt meinen Körper in zwei Hälften, keine Rücksicht darauf nehmend, mein Körperempfinden zu vernichten. Kennt nur Zerstörung. Legt sich endlich befriedigt, satt und schmatztend, von meinem Fett aus seinem Mund triefend, auf die Aluminiumplatte und lauert ob ich noch irgendeine Bewegung zu vollführen in der Lage bin, jederzeit bereit, sofort wieder zuzuschlagen, um sein grauenvolles Werk zu vollenden.

Haben Sie aus dieser Sicht schon einmal IHRE Geflügelschere betrachtet?

An der Gabel hochgehoben, wird meine von mir losgelöste Häflte gepackt und in den Bratofen zurück geworfen, wo sie mit einem, für mein nicht mehr vorhandenes Herz, herzzerreißendem Schrei entgültig in der (eigenen) Fettbrühe ertrinken muß. Jemand haut diese piekende Gabel in meine Hälfte, hebt mich hoch, wirft mich auf ein Blatt aus merkwürdig gearteter Beschaffenheit, reißt die Gabel aus meiner Seite hinterläßt zwei Löcher, aus denen mit letzter Kraft meine Körperflüssigkeit strömt und schlägt dieses Blatt über mich zusammen, knoten über und unter mir das Papier zu. So sitze ich wieder einmal im Schwitzkasten. Langsam versuche ich meine Haltung wieder zu erlangen und sehe mich um. Die Beschaffenheit des Papiers in dem ich mich befinde, ermöglicht mir, das ich mich in ihr spiegeln kann, und so sehe ich mich in meiner halbierten Pracht und fühle, wie der bittere Haß meine gegarten Adern durchströmt.

Während ich nun verzweifelt als halbes Hendl gefangen in meiner Höhle sitze, fühle ich, wie man mich in der Verpackung hochhebt und irgendwohin hineinlegt, etwas Kaltes wird an meine Seite gestellt, und etwas Warmes, wiederlich nach altem Fett stinkendes, wird auf mich gelegt. Dann werde ich durch die Luft getragen und auf etwas Kaltem abgestellt. Nur das ich diesmal, da ich verständlicherweise, ob der Grauentaten, die mir wiederfahren sind, noch unter Schock stehe, diese Kühle diesmal gar nicht zu schätzen weiß. Jedenfalls bleibe ich erst einmal stehen und nichts passiert. Außer, daß ich bemerke wie es um mich rum wieder einmal tropf, tropf, tropf macht. Nach einer Weile bewegt sich das Kalte, auf dem ich stehe, es vibriert und ruckelt und da ich überhaupt keine Lust auf neue Abenteuer habe, fange ich an zu zappeln, bis ich und alles was um mich herum aufgereiht ist, ins Rutschen gerate und mit einem "Platsch" auf hartem Grund aufpralle, der dabei platschende und glucksende Geräusche von sich gibt. Wieder passiert gar nichts, ich zapple, meine eine Seite droht zu gefrieren und erinnert mich an meine Zeit im Tiefkühlhaus und der, die, das über mir, geht mir mit seinem penetranten Gestank und Gewicht auf die Nerven. Mir geht überhaupt alles auf die Nerven und das schwappende Geräusch um mich herum, läßt mich ahnen, wie es meiner anderen Hälfte in derer letzten Minute ergangen sein muß. Huhn, bin ich jetzt stinkig, würde irgendjemand überhaupt von meinem Zustand Notiz nehmen, ich würde jetzt schmollen bis was-weiß-ich-wann und darüber hinaus.

Plötzlich werde ich wieder hochgehoben, durch die Luft getragen und wieder abgestellt. Ich fühle wie das stinkende Gewicht von mir genommen wird, wie ich aus dem, worin ich mich befinde, herausgehoben werde und wie sich jemand an dem Papier, das mich umhüllt zu schaffen macht. Iiiieeeeeeeehhhhh, was ist das denn? Etwas dreckiges, blaunäsiges, bärtiges, verrotztes - ich fürchte beinahe, es ist noch ein Mensch - mit triefendem halbaufgerissenem Maul, aus dem mich halbverfaulte Zahnruinen anstrahlen, und gierigem, rotäugigem, wässerigem Blick, von einem eckelerregendem, den Fettgeruch übertreffenden Gestank umgeben, grinst mich an. DER WILL MICH FRESSEN!!!

Da keift aus dem Hinterhalt ein Weib: "Hau ab, Du Penner, mach das de wechkommst. Ich will so`n Kruppzeuch hier nich mehr sehn, ey!" Ich werde auf den Boden geworfen und bleibe da, vor Schreck erstarrt, erst einmal liegen.

Das vorläufige Ende